Ukraine

Hier kämpfen Bilder Wenn Menschen schweigen, so werden die Steine schreien

Trotz drohender Verhaftungen überziehen ukrainische Straßenkünstler seit der Majdan-Revolution das Land mit ihren Bildern.

Kiew, Odessa, Dnipropetrowsk – in der Revolution findet Graffiti zu seinen Wurzeln zurück.

Straßenkunst ist politisch. Besonders im Krieg. Besonders in der Ukraine.

Man sagt Künstler riechen den Krieg. Granaten und Panzer vermischen sich mit dem Geruch frischer Farben. Wenn die Revolution eine der Ehre war, haben nur wenige verstanden, dass das nur der Anfang war. Der Anfang eines Krieges, der alles und jeden stark veränderte. Im Krieg wird stärker verziehen, geliebt und wertgeschätzt. Der Schritt in ein neues Leben wurde zur Tragödie. Heckenschützen, die Henker der Janukowitsch-Regierung, erschienen auf dem Majdan. Der Wille zum neuen Leben wurde zum Trauma. Er fiel den Befehlen zu töten zum Opfer. Es waren Befehle, die ein ganzes Land traumatisieren.

Wenn die Bilder an Gebäuden die Behörden stören, sind sie mit Leben gefüllt. Jastin Donlon, Streetart-Künstler aus Irland
Wenn die Bilder an Gebäuden die Behörden stören, sind sie mit Leben gefüllt. Jastin Donlon, Streetart-Künstler aus Irland
Ich glaube, Graffiti spiegelt unsere Generation wieder... Künstler hält man für ruhige, träge Menschen, die einigermaßen wahnsinnig sind. In diesem Sinne sind wir den Piraten ähnlich. Wir verteidigen unser Territorium. Sandra ‘Lady Pink’ Fabara

Der Krieg würfelt Werte und Vorstellungen durcheinander. Das Ausmaß der Tragödie ist noch nicht anzusehen. Kommende Generationen werden das Geschehen bewerten, die Ereignisse, die Menschen, die sich auf beiden Seiten der Front befanden. Der Kampf gegen die Janukowitsch-Regierung wurde zu einem Kampf gegen ein System. Ein System, das ein Land ausblutete und wenige bereicherte, den Menschen Chancen verwehrte und Lebensentwürfe zerstörte.

Viele haben gelernt zu schweigen. Sie wurden dazu gezwungen. Weitere duckten sich weg, wenn ungehorsam waren. Im Herbst 2013 erbarmte sich das Schicksal.
Wort, Gewehr, Pinsel …. es gibt verschiedene Waffen im Widerstand gegen das System. Die Waffe von Swjatoslaw Lawrussenko aus Odessa ist Graffiti. Er hat immer öffentliches Leben illustriert, er entlarvt menschliche Übel der ukrainischen Gesellschaft mit Hilfe von Farben. Seine Werke stellen den Kampf gegen Korruption und verlogene Politiker dar. Seine Fassadenkunst zeichnet die rebellische Stimmung nach.

Nicht nur einmal kam Swjatoslaw Lawrussenko hinter Gittern, er floh deswegen in der Nacht vor der Polizei, riskierte sein Leben, um auf mehrgeschossigen Häuserwänden seine Botschaften zu hinterlassen.

Jedes Ereignis auf dem Majdan verarbeitete er in ein Wandbild. In der Nacht übertünchten die Behörden was er am Tag malte. Die Verfolgung des „Sprayers“ von Odessa wurde zur Jagd: er wurde verhaftet, ihm wurden Geldstrafen auferlegt, ihm wurde gedroht. Aber jedes Mal erschienen neue Gemälde an Stelle der geschwärzten Bilder.

Swjatoslaw hatte schon seine Verehrer. Wenn der Künstler einmal verschwand, übernahmen andere seine Aufgabe. Ausbildung, Alter und sozialer Stand spielten keine Rolle. Es galt Farben in die Hand zu nehmen und sich zur Mauer am Strand zu wagen. Das war der Kampfplatz. Bunt, unruhig und gefährlich.

Graffiti in der Ukraine ist vielfältig in Thematik und Stil. Das ist die eigene Reflexion des Schmerzes. Wenn Touristen aus Westen solche Bilder als Misshandlung der Wände beurteilen, ist das für Ukrainer der erste Schritt auf dem Wege in die Freiheit vor dem System.

Vandalismus und Rowdytum oder Kunst? Eine offene Frage, die die Graffitikünstler betrifft. Streetart ist hier noch nicht so fortgeschritten. Es ist illegal und wird öffentlich getadelt. Posudiewskij Aleksei
Streetart wurde als Vandalismus betrachtet und verfolgt. Jetzt ist es eine anerkannte Kunstform und europäische Kunstschulen unterrichten Graffiti als Fach im Studienprogramm. Diesen Weg sollte auch die Ukraine gehen. Karassewa Alexandra

Zwei Themen sind in den Bildern der ukrainischen Graffitikünstler immer gegenwärtig. Die Geschichte ihres Landes, ihrer Stadt und die politischen Ereignisse Ende 2013 und über dem Winter hinaus. Als Leinwand dienen Zäune, Wände, Dächer. Sie erzählen nicht allein die tragischen Ereignisse, sie halten Wirklichkeit fest. Die Machthaber werden dabei auf den Steinwänden karikiert. So machen sie sich das System untertan.

Der Baum in Form eines Herzens, vielhändiger Monster, Schlange mit Gesicht von Putin, brennende Autoreifen – es sind hier die Geschichten einer Revolution, deren Früchte zu verschwinden drohen. Es sind Geschichten gegen das Vergessen.

Im Herzen der Ukraine in Kiew spiegeln die Wände der Gebäude neueste Geschichte. Symbole und Farben sind nur dann zu verstehen, wenn man unter riesengroßen Bildern steht. Gelb und Blau sind die Farben der Ukraine. Derjenige, der einmal unter gelb-blauen Bildern war, wird zum Teilnehmer eines Konflikts. Die Welt teilt sich in Gute und Böse.

Während Graffiti in Kiew und Odessa nur Kriegsschmerz widerspiegelt, herrscht in Dnipropetrowsk im Südosten eine andere Atmosphäre. Unter den örtlichen Graffitikünstlern wird die neue Kunstform lediglich als Modeerscheinung bewertet. Jeder vierte Einwohner der Stadt kleidet sich mit nationalen Symbolen, aber nur jeder zehnte hegt patriotische Gefühle. Es ist eine Art Schutz vor den aggressiven Nachbarn. Russland ist in der Nachbarschaft.

Die Kunst des 21. Jahrhunderts bildet sich allmählich heraus entwickelt. Hinaus aus den Museen und Galerien. Die Straße selbst ist zum Platz für verschiedenste Kunstformen geworden. Ob Deutscher, Franzose oder Amerikaner, auf einem Spaziergang durch die Stadt, zeigt Streetart einem jeden das Zeitgeschehen im Land.

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