Ukraine

Gestohlene Heimat… von Olesja Zhuk, Inna Havruljuk, Ludmyla Dudchenko, Taras Grynivskyj und Roman Pazjuk

Wenn tausende Studenten in die Ferien nach Hause fahren, wird Nastja zurück in Czernowitz bleibenAllein mit ihren Gedanken an das Zuhause auf der Krim, wo Mutter und Vater wohnen, wo warme Erinnerungen an die Kindheit harren, dorthin, wohin sie nicht mehr zurückkehren kann.

Sie heißt Nastja. Ein Mädchen aus der Ukraine. Geboren in einer kleinen Stadt nahe Lemberg, Westukraine. Vor zehn Jahren zog die Familie auf die Krim, Südukraine. Nastja lernte das Spiel auf der ukrainischen Sopilka-Flöte, unverändert seit der Kaiserzeit unverändert wie das Sehnen nach einer veränderten Heimat. Die Sopilka wird aus Holunder oder Hasel gefertigt, dreißig bis vierzig Zentimeter lang, fünf bis sechs Löcher, einmal Heimat.

Die Annexion der Krim riss die Familie auseinander

Nastja ist vielseitig. Sie lernt Koreanisch und stellt sich seinen 28 Zeichen, sie illustriert Tiere und Vögel, wenngleich diese Thematik sich heute einer weniger friedvollen zugewendet hat. Heute erscheinen in ihren Bildern starke Helden, ukrainische Soldaten, geballte Fäuste. Ihre Bilder schickt sie in den Osten der Ukraine, wo die nach der ukrainischen Lesart sogenannte „antiterroristische Operation“ stattfindet. Nastja will mit ihren Bildern den Glauben an den Sieg stärken.

Nastja ist Neu-Czernowitzerin. Das macht der Krieg. Tetjana, ihre Schwester, ist jetzt in Sumy, einer Stadt im Nordosten des Landes. Das macht der Krieg. Nastjas Eltern blieben auf der Krim. Das macht auch der Krieg.

Nastja besuchte einst das einzige ukrainische Gymnasium auf der Krim in der Hauptstadt Simferopol. Darauf ist sie bis heute stolz.
Es ist dies eine einfache, kleine Geschichte. Eine Geschichte über den gelebten, alltäglichen Mut. Es ist dies die Geschichte einer Ukrainerin in einer russischen Umwelt, einer Minderheit im eigenen Land und sein Bekenntnis dazu. Es ist dies die Geschichte seine Kultur im russisch geprägten Alltag einzufordern. Vierzigtausend Bände in der ukrainischen Schulbibliothek, Künstler, Theaterleute, Musiker, Lehrer – alle und alles audem ukranischen Stammland importiert. Ein Kulturkampf, der am Ende verloren ging. Woher du kommst, ob es Zentral, West oder Ostukraine wäre. Das war trotz allem egal.
Nastjas Vater kommt aus Czernowitz. Die Wahl als Studienort fiel ihre daher nicht schwer. Und die alte k.u.k-Stadt im Westen der Ukraine tat mit ihrem Charme ihr übriges bei der Entscheidung Ersatz für verlorene Heimat zu sein. Nastja studiert Journalistik. Vorher wollte sie Philologie studieren, die Sprachen des Ostens lernen. Ob der Erfahrung auf der Krim, lebendig inder Muttersprache zu kommunizieren, im Zentrum neuester Ereignisse zu sein, Entfernungen zu überwinden, dem Verlorenen näher zu sein, war Journalismus naheliegend. Die Nähe zur Krim, zur Familie aber fehlt dennoch.

Sie bemüht sich Tränen unterdrücken, dabei zu lächeln. Aber sie schafft das nicht. Es tut weh, was mit ihrer und mit vielen tausenden Familien passiert, die sich nach der Annexion der Krim zur Trennung gezwungen sahen.
Zur international geächteten „Volksabstimmung“ im Mai 2014 auf der Krim gingen ihre Eltern nicht. Und die Bekannten der Familie taten das auch nicht. Andere Stimmen, andere Ansichten interessierten nicht. Es ist nicht so einfach in einem Moment alles zu verlassen. Die Arbeit, die Wohnung, die Familie.

Man ist bemüht den Eltern nichts Schlechtes zu erzählen, und die Eltern schützen die Kinder von betrüblichen Nachrichten. Doch die Sorge verschwindet nicht. Sie wird mit jedem Tag größer.

Auf einmal finden die Gespräche nur per Telefon oder Skype statt. Man ist bemüht den Eltern nichts Schlechtes zu erzählen, und die Eltern schützen die Kinder von betrüblichen Nachrichten. Doch die Sorge verschwindet nicht. Sie wird mit jedem Tag größer.
Seit der Annexion der Krim ist ein Jahr vergangen. Die Euphorie auf der Halbinsel im Schwarzen Meer ist vorbei. Die Menschen spalteten sich in Lager. Einige haben Fehler erkannt, dass eine so radikale Entscheidung wie die Abspaltung vielleicht doch voreilig war. Die Anderen sind „für Russland und werden dafür bis zum Ende stehen!“, sagt Nastja.
Zuletzt war Nastja während der Winterferien zu Hause. Der Zug hielt 20 Kilometer vor einer neuen, unwirklich erscheinenden Grenze. Dann ein Taxi durch ein Niemandsland auf die andere Seite. Wie unwirklich das alles. In Simferopol dann sind die Leute plötzlich fremd. Keine Gespräche. Sie verlässt das Haus nicht.
Das Informationsvakuum und die Isolation überfordert. Ukrainische und krimtatarischee Zeitungen, von denen es sowieso nicht viele gab, sind verschwunden. Es gibt nur noch russische Medien, es gibt nur noch die russische Wahrheit an den Kiosken. Mit dieser ukrainischen Wahrheit ist sie in ihrer gestohlenen Heimat allein. Auch das ist Krieg. Ihre Eltern nutzen jetzt Internet und Satellit. Immerhin.
Tetjana, Nastjas Schwester, studiert in Sumy. Zu Ostern waren die Mädchen zusammen. Sie haben Pas’cha, eine traditionelle Osterspeise, gebacken. Zum ersten Mal allein. Erst wenn die Eltern fehlen, versteht man, was da verloren gegangen ist. In der Ukraine können sich die Mädchen unterhalten, einander besuchen. Nur wenn sie zusammen sind, vergessen sie für einen kurzen Moment, was in ihrer Heimat passiert.

Nastja schaut in die Ferne. Und dann sagt sie das, was klar den Zustand ihrer Seele beschreibt. Sie will nicht wieder dorthin fahren, auf die Krim. Sie will es einfach nicht. Sie möchte die Eltern besuchen, aber man möchte nicht zurückkehren.
Es ist ihre Zerrissenheit, so zerrissen wie das Land.

Weiterlesen: