In der Republik Moldawien, wie in fast ganz Osteuropa, empfinden die meisten Menschen die Homosexuellen als eine aus dem Westen importierte gesellschaftliche Anomalie.
Der Aufruf des verkommenen „Gayropas“ ist eines der größten Hindernisse im Wege bei der Integration in den europäischen Raum.
Viele Moldawier sind von der russischen Presse und derer sowjetischen Ideologie beeinflusst und können manche Sachen nicht akzeptieren.
17 Mai 2014. Internationaler Tag gegen Homophobie. Im Zentrum von Kischinau finden zwei Demonstrationen statt, „Marsch der Gleichberechtigung“, organisiert von ein paar Duzend lokalen Mitgliedern des LGBT (LesbiansGaysBisexualsTransexuals) und der „Marsch gegen den Marsch der Gleichberechtigung“, organisiert von ungefähr derselben Anzahl von Vertretern der christlichen NGOs. Zwischen diesen zwei entgegengesetzten Gruppen, eine Reihe von Polizisten mit Knüppeln und Helmen. Ein wahres Amalgam an Slogans… „Rechte für die Trans!“, „Es ist Zeit du selbst zu sein!“, „Moldawien – Orthodoxes Land!“, „Gesetze für Gays – Fluch für uns“.
Dies ist der dritte Versuch, einen Marsch gegen Homophobie in Kischinau zu organisieren und das Mal, das gelingt. Die moldawischen Medien berichten über den Erfolg der sexuellen Minderheiten.
In der Republik Moldawien, wie in fast ganz Osteuropa, empfinden die meisten Menschen die Homosexuellen als eine aus dem Westen importierte gesellschaftliche Anomalie. In den letzten Jahren wird dieses Thema immer öfter von den Medien behandelt, wobei auch diese in zwei Gruppen geteilt werden können: die pro-westlichen und die pro-russischen. Die Ersten unterstützen Toleranz und Akzeptanz gegenüber diesem Phänomen als ein Schritt in Richtung Demokratisierung, die, zusammen mit der langersehnten europäischen Integrierung, Wohlstand bringen soll. Die Zweiten, auf den sentimentalen Charakter der Moldauer bauend, haben sich mit Gott „verbündet“, ihrer Forderungen wegen, von der orthodoxen Kirche unterstützt. Der Aufruf des verkommenen „Gayropas“ ist eines der größten Hindernisse im Wege bei der Integration in den europäischen Raum. Ein Zankapfel, der die Aufmerksamkeit von viel wichtigeren Sachen ablenkt…
Wie ist es eigentlich anders zu sein, wenn man sich in einem Staat befindet, in der nur vier Prozent der Bevölkerung einen Homosexuellen als Familienmitglied akzeptieren und nur gut sieben Prozent wenn es sich um einen Freund handelt.
Pavel Ermacov hat sein ganzes Leben in Kischinau verbracht. Er ist 22 und studiert „Dramaturgie und Szenaristik“ an der Akademie für Musik, Theater und Bildende Kunst in Kischinau. Nebenbei unterrichtet er Englisch und Rumänisch für Volontäre.
Seit seiner Kindheit fühlte er sich von Männern angezogen. Mit 6 hatte er eine erste sexuelle Erfahrung mit einem gleichaltrigen Jungen. Seit dem Zeitpunkt wünschte er sich dieses „Ritual“ immer wieder. Die Überzeugung, dass er schwul ist, hatte er im Moment, als er einen Klassenkameraden, dem er bei den Hausaufgaben half, zum Oralsex überzeugt hatte. Die Freude an dem Akt an sich und der Mangel an Interesse gegenüber dem weiblichen Geschlecht hatten ihn dazu gebracht, seine Andersartigkeit zu akzeptieren.
Durch das Internet verstand er, dass seine Gefühle nichts Abartiges hatten, kein Verbrechen sind. Hilfe sollte er beim Schulpsychologe suchen, was er auch tat.
Mit 15 hatte er sein „coming out“. Seine Freunde reagierten wie normale Teenager. Eine Kichern, aber nie aggressiv oder höhnisch. Er hatte wahre Freunde, die ihn später im Konflikt mit seinen Eltern unterstützt haben. Sie standen ihm bei, auch als er versuchte, andere Leute zu überzeugen, dass seine Homosexualität keine Laune oder Monstrosität sei.
Mit den Eltern war es schwer. Für sie war es ein Schock. Er hatte sie auf diese Nachricht nicht vorbereitet. Sie hatten es auch nicht von ihm erfahren, sondern aus seinen Gesprächen auf einem sozialen Netzwerk. Die erste Reaktion war, die Polizei, den Pfarrer, Doktor, Psychologen anzurufen. Sie meinten, er wäre vergewaltigt worden. Sex zwischen zwei Männern ist nicht normal. Es hat schon eine Weile gedauert, bis er sie überzeugen konnte, dass er gesund sei und keine Hilfe brauche.
Sie haben die Tatsache, dass er Gay sei, nicht akzeptiert, aber sie bestraften ihn auch nicht. Zu Hause wird halt nie darüber gesprochen. Einmal, als Pavel aus Protest gegen die homophobe Politik Moskaus sich mit einem anderen Mann vor der russischen Botschaft küsste, erfuhr die ganze Familie davon. Dieses kleine „Manifest“ machte Schlagzeilen. Die Eltern sagten nichts.
Pavel wurde nie körperlich angegriffen, doch Worte bereiteten ihm doch Kopfschmerzen. Er fühlte sich nie als Opfer. Homosexuelle die sich als Opfer fühlen, mag er nicht. Er findet, dass sie Homophobie unterstützen.
Pavel Ermacov glaubt nicht an Parolen die auf der Straße geschrien werden. Er bevorzugt eher die friedliche und transparente Weise. Er möchte nur gleich behandelt werden. Aber das ist zu kompliziert. Viele Moldawier sind von der russischen Presse und derer sowjetischen Ideologie beeinflusst und können manche Sachen nicht akzeptieren. Sie bauen falsche Barrieren auf und vergessen dabei die wahren Probleme der Gesellschaft: Armut, Korruption, interethnische Konflikte und Bürokratie.
In Kischinau gehen die beiden Märsche ihrem Ende zu. Die Mitglieder beider Gruppen trennen sich und machen sich auf den Weg nach Hause. Die Stadt ist nun wieder ruhig und grün.